Zeit für Alternativen

Die Schlinge zieht sich immer weiter zu…

das Netzdurchsetzungsgesetz (NetzDG) ist beschlossen, andere Länder denken darüber nach, ähnliche Regelungen zu treffen, die Betreiber der großen Netzwerke haben schon immer bestimmt, welche Inhalte bei ihnen zulässig sind… und setzen jetzt verstärkt auf „künstliche Dummheit“, um unerwünschte Inhalte automatisch auszufiltern… na und jetzt denken sie in der EU wirklich ernsthaft darüber nach, dass Uploadfilter eingesetzt werden sollen (Kapitel 2 Nr. 18 “Proaktive Maßnahmen“)… zunächst „freiwillig“, letztlich aber dann auch verpflichtend.

Dabei geht es dann ja zunächst vorwiegend um „terroristische Inhalte“ (der „Schutz“ vor Terrorismus ist der Türöffner für jedes Gesetz, das die persönliche Freiheit massiv einschränken soll), aber auch um Aufstachelung zu Hass und Gewalt, Darstellungen des sexuellen Missbrauchs von Kindern („Kinderpornografie“ ist auch ein beliebter „Dietrich“, um Regelungen durchzusetzen, die der Bürger sonst nicht widerspruchslos hinnehmen würde), Produktfälschungen und Urheberrechtsverletzungen.

Das ist schon ein breites Spektrum, und wenn nun „künstliche Dummheit“ (nichts anderes sind ja Upload-Filter auch) ein so weites Feld beackern soll, wächst die Gefahr, dass auch harmlose Inhalte einfach geblockt werden, immens an. Halbwegs vernünftige Filter (die trotzdem noch viele legale Inhalte ebenfalls aussieben werden) können aber nur von den Big Playern im Anbietergeschäft realisiert werden. Trotzdem sollen auch die kleinen und mittleren Anbieter zum Einsatz von Filtern gezwungen werden. Das bedeutet für diese, dass sie sich entweder in Abhängigkeit von den „Großen“ begeben müssen und deren Technik nutzen, oder dass sie selbst etwas einsetzen, was dann womöglich noch unzulänglicher ist.

Das NetzDG setzt solche Automatismen nicht voraus, was aber kein Stück besser ist. Hier werden die Inhalte zwar erst nachträglich ausgefiltert, aber es besteht – nach weit verbreiteter Meinung… und auch nach meiner Auffassung – die Gefahr des Overblockings, weil drakonische Strafen angedroht sind, wenn beanstandete Inhalte nicht ganz schnell getilgt werden. Hier wird von Laien (denn rechtswissenschaftlich sind es solche) erwartet, in kürzester Zeit eine rechtliche Bewertung von Inhalten vorzunehmen und zu reagieren. Da das kaum möglich ist, wird dann wohl eher schnell mal was gelöscht, was eigentlich völlig in Ordnung ist, bevor man sich in Gefahr begibt und der Konzern zu Strafen verdonnert wird.

Und es schadet ja auch nix, denn dem Nutzer ist eh keine wirkliche Möglichkeit gegeben, gegen eine unberechtigte Löschung vorzugehen. Gefickt eingeschädelt, das!

Das (einstmals) freie Internet wird also immer weiter kaputt gemacht… und die Einschränkungen werden immer größer. Und es kann JEDEN treffen… die Wahrscheinlichkeit wird um so größer, je mehr automatisiert geblockt wird (womöglich durch „künstliche Dummheit“). Beispiele dafür findet man bald täglich irgendwo im Netz.

Was tun? Wir sind doch machtlos.

Nööö… im Gegentum… wir können wirklich etwas dagegen tun. Dafür müssen wir nicht einmal die „Komfortzone WEB X.0“ (fragt mich nicht, bei welchen „X“ wir inzwischen angekommen sein sollen) aufgeben… die können wir trotzdem weiter benutzen, sofern es da noch interessante Inhalte gibt. Aber zusätzlich wäre es dringend erforderlich eine neue Infrastruktur aufzusetzen, die gegen solche Überregulierungen, gegen Zensur und staatliche Repressionen immun ist.

Nicht falsch verstehen… WIRKLICH illegale Dinge sollten in einem Netzwerk genauso verfolgt und unterbunden werden, wie in der realen Welt. Aber der Kampf gegen solche Inhalte darf nicht dazu führen, dass wir unsere Freiheit völlig aufgeben.

Alternativen

Na jedenfalls gibt es schon heute sehr gute Alternativen zum „herkömmlichen„ Internet: die dezentralen Netzwerke / P2P (=Peer-to-Peer)-Netzwerke. Bei diesen Systemen gibt es keine zentralen Server, auf die man seine Inhalte schaufelt und von wo sie dann von anderen abgerufen werden können… hier wird man selbst Teil des Netzwerkes, verbindet sich direkt mit etlichen anderen in diesem Netzwerk und hält seine Inhalte selbst bereit.

IPFS

Sehr bekannt und derzeit hoch gehandelt ist das IPFS (InterPlanetary File System), welches das Bitcoin Blockchain-Protokoll nutzt, um ein unabhängiges „Dateisystem“ bereitzustellen. Hier können Inhalte nahezu jeglicher Art anderen zur Verfügung gestellt werden… also auch Webseiten. Jeder hat die Möglichkeit, solche Inhalte abzurufen und jeder kann sie auch lokal speichern und damit auch wieder für andere Nutzer zur Verfügung stellen. Dass das IPFS derzeit mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist, liegt nicht zuletzt daran, dass es mit Steemit für den Aufbau einer sozialen Netzwerksstruktur genutzt wird, mit der man nebenbei theoretisch (und praktisch) sogar Geld verdienen kann. Auf Steemit setzt auch die wirklich gut nutzbare YouTube-Alternative DTube auf.

Klar habe ich IPFS ausprobiert… und ab und an läuft es bei mir auch (allerdings – das muss ich zugeben – nur, wenn ich es konkret einsetzen muss)… aber für mich hat es zu viele konkrete Nachteile. Es verbraucht wirklich ordentlich Netzbandbreite und auch die Systemlast ist zeitweise so groß, dass der PC nahezu unbenutzbar wird. Leider kann man die Nutzung der Bandbreite und der Systemressourcen nicht konfigurieren… ich hoffe aber, dass ein solcher Mechanismus in (hoffentlich naher) Zukunft implementiert wird. Zur täglichen Nutzung ist es aus diesen Gründen für mich aber nicht geeignet.

I2P

Ein weiteres, schon länger existierendes Netzwerk ist I2P (Invisible Internet Project), das zusätzlich zur verteilten Infrastruktur auch noch anonymisiert und pseudonymisiert. Es ist also, was das anbelangt, eher mit dem TOR-Netzwerk zu vergleichen. Die Daten werden verschlüsselt und anonymisiert übertragen.

Im Vergleich zu IPFS ist die Nutzung aber eher träge. Selbst wenn man eine ganze Weile mit dem Netzwerk und damit mehr Peers verbunden ist, ist die Geschwindigkeit recht eingeschränkt und es ist sehr (sehr!) oft der Fall, dass bestimmte Ressourcen trotzdem nicht erreichbar sind. Dafür ist die Systemlast deutlich geringen und auch die Bandbreitennutzung, die sich auch komfortabel einstellen lässt. Obwohl es das Netzwerk schon recht lange gibt, findet man nur schwer Inhalte, die einen interessieren… und oft sind diese dann nicht einmal erreichbar, selbst wenn das Programm schon seit Tagen läuft. Auch I2P habe ich ausprobiert (und nutze es… allerdings wirklich sehr selten)… doch auch das halte ich nicht für wirklich praxistauglich… das „klassische Internet“ kann es nicht ersetzen, obwohl es viele vergleichbare Protokolle unterstützt.

Freenet

Freenet habe ich auch einmal ausprobiert. Auch das funktioniert auf ähnliche Weise. Allerdings kann würde ich es nicht als Alternative zum „klassischen Internet“ ansehen, weil es nicht wirklich leicht einzurichten und zu nutzen ist. Außerdem ist man bei diesem System darauf angewiesen, sich konkret mit anderen Nutzern (Peers) zu verbinden… die muss man erstmal finden oder dazu überreden, das System zu installieren. Ob Freenet inzwischen sinnvoll nutzbar ist, kann ich nicht beurteilen, da meine Versuche schon einige Jahre zurückliegen.

DAT / Beaker-Browser

Ein weiteres verteiltes P2P-System ist das DAT Projekt. Dieses System ist am ehesten mit dem IPFS zu vergleichen. Auch mit DAT kann man Dateien und Verzeichnisse mit anderen teilen… also auch Webseiten. Hier erfolgt die Übertragung ebenfalls verschlüsselt.
Im Vergleich zu IPFS geht DAT aber deutlich ressourcenschonender mit dem eigenen Computer um. Dafür ist die Nutzung aber auch nicht so komfortabel… es sei denn, man greift auf das Beaker-Browser-Projekt zurück. Beaker-Browser ist ein Webbrowser (mit ihm kann man auch im „normalen Internet“ surfen), der auf das DAT Projekt zurückgreift. Mit dem Browser ist man in der Lage, Content, der auf dem eigenen Rechner liegt, mit anderen zu teilen… diesen also anzubieten. Man kann klassische Webseiten anbieten, Beaker kommt aber auch mit Webseiten zurecht, die mit Markdown gestaltet sind. Die Adressen sind allerdings auch wieder recht kryptisch (lange Hashes) und zentrale Verzeichnisse findet man nicht (vielleicht gibt es sie… ich habe sie noch nicht gefunden). DAT / Beaker ist also durchaus praxistauglich, jedoch ist die Nutzung wohl eher dazu gedacht, Daten sicher auszutauschen… für ein „alternatives Internet“ taugt es in meinen Augen derzeit noch nicht. Die eigenen Inhalte stehen auch nur dann zur Verfügung, solange man online ist oder, wenn ein anderer Nutzer sie lokal gespeichert hat und ebenfalls anbietet.

Mein Favorit: ZeroNet (0Net)

Es gibt noch einige andere Netzwerke und Projekte, ich komme aber jetzt zu meinem persönlichen Favoriten: ZeroNet.

Im Vergleich zu z.B. Freenet oder I2P ist ZeroNet (auch 0Net) ein noch recht „junges“ Projekt, aber hier findet man schon jetzt eine Struktur, die gut aufgestellt ist.
Wie bei anderen dezentralen Netzwerken werden bei 0Net Webseiten (Zites genannt) nicht durch eine IP identifiziert, sondern durch einen öffentlichen Schlüssel (genauer einer Bitcoin-Adresse). Der ebenfalls vorhandene private Schlüssel ermöglicht es dem Eigentümer einer Website, Änderungen zu signieren und zu veröffentlichen, die sich über das Netzwerk verbreiten. Der Zugriff auf die Websites erfolgt über einen gewöhnlichen Webbrowser, wenn die ZeroNet-Anwendung, die als lokaler Webhost für solche Seiten fungiert, läuft. Zusätzlich zur Bitcoin-Verschlüsselung verwendet ZeroNet Tracker aus dem BitTorrent-Netzwerk, um Verbindungen zwischen Peers auszuhandeln. ZeroNet ist zunächst nicht anonym, jedoch können Benutzer ihre IP-Adresse mit Hilfe der eingebauten TOR-Funktionalität verstecken. Wird eine Zite durch einen anderen Nutzer aufgerufen, so wird dieser Besucher ebenfalls zum Anbieter der Inhalte (Seeder). Solange es auch nur einen einzigen Seeder gibt, kann eine Zite nicht gelöscht werden, was auch Dritten die Möglichkeit nimmt, die Seite zu unterdrücken oder Zensur zu üben.

Einfache Installation

Ein wesentlicher Vorteil von ZeroNet ist die wirklich einfache Installation (für Linux, Windows, OS-X, FreeBSD). Selbst die Nutzung von TOR zur Anonymisierung ist sehr einfach. Für Windows-Nutzer ist dies bereits im Bundle enthalten, Nutzer anderer Betriebssysteme müssen TOR zusätzlich installieren und einmal konfigurieren (sehr gut beschrieben)… dann fluppt 0Net prima über das TOR-Netzwerk.

Startseite: ZeroHello

Hat man 0Net gestartet und ruft man im Webbrowser http://127.0.0.1:43110 auf, so landet man auf der Seite ZeroHello. Von dieser Seite aus kann man einige Einstellungen vornehmen… und sofort die ersten Zites erreichen. In der linken Seitenleiste der Seite findet man etliche Links zu wichtige Zites… darunter auch die Beispiel-Zites (ZeroBoard… ein Message-Board, ZeroBlog… ein Beispiel-Blog, ZeroTalk… ein Forum, ZeroMail… ein ZeroNet-Mailprogramm zum Versenden von verschlüsselten P2P-Mails, ZeroChat… ein Chatprogramm, ZeroMe… ein dezentrales soziales Netzwerk – vergleichbar mit Twitter, ReactionGIFs… eine Plattform für Bilder und Videos).

Erste Orientierung

Ein sehr guter Einstieg ist ZeroSites (http://127.0.0.1:43110/1HeLLo4uzjaLetFx6NH3PMwFP3qbRbTf3D/)… hierbei handelt es sich um ein Verzeichnis sehr vieler Zites. Und hier findet man dann auch noch interessante andere Seiten, wie z. B. ZeroVote (http://127.0.0.1:43110/1J1c7eML6uMwDU4uiKbKRxoqxGP6WMFMvb/), das so funktioniert, wie Reddit, das Git Center (http://127.0.0.1:43110/1HeLLo4uzjaLetFx6NH3PMwFP3qbRbTf3D/), mit dem ein dezentrales Git-Hosting möglich wird, das ZeroWiki (http://127.0.0.1:43110/138R53t3ZW7KDfSfxVpWUsMXgwUnsDNXLP/)

Suchmaschinen

Für die Suche bemüht man am besten Zirch Automated Search (http://127.0.0.1:43110/1SearchPd3khzLtsxTxKYhYUohk7c1QYd/), Zoogle Zearch (http://127.0.0.1:43110/13EYKqmPpwzBU4iaQq9Y4vfVMgj8dHeLkc/) oder Kaffiene Search (http://127.0.0.1:43110/kaffiene.bit/). Damit findet man schon allerhand interessante Seiten.

ZeroUp (http://127.0.0.1:43110/1uPLoaDwKzP6MCGoVzw48r4pxawRBdmQc/) ist eine Filesharing-Plattform… auch nicht übel.

Wenn man eigene Seiten anbietet und man die – wie bei vielen anderen Systemen ebenfalls – kryptische URL sinnvoll kürzen mag, kann man sich eine Kurz-URL bei ZeroShortener (http://127.0.0.1:43110/0sh.bit/) erzeugen lassen.

Eingene Seiten anbieten

Eigene Seiten? Ja genau… eigene Seiten! Und das „für umme“, denn seine eigenen Zites hostet man selbst (und jeder weitere Seeder, der die Seite aufgerufen hat).
Eine eigene Zite zu erstellen ist sehr einfach. Man kann einfach eine leere Zite erzeugen, die man dann mit einer selbst erstellten „klassischen“ Webseite „befüllt“ oder man klont eine beliebige andere Zite und verändert die Inhalte (und, wenn man kann und will auch die Funktionalität). So kann man seine eigene ZeroME-SN-Seite mit wenigen Klicks erstellen… ein Blog ist schnell geklont und mit eigenen Inhalten versehen… es ist nahezu alles möglich.

Wie das alles funktioniert, werde ich hier in einem eigenen Artikel als „Tutorial“ beschreiben… es sollte eigentlich jeder damit klarkommen. Man kann ganz einfach als passiver Nutzer agieren oder man bietet selbst Inhalte an… und kein Upload-Filter blockiert einem die eigenen Beiträge.

Ich kann es WIRKLICH empfehlen, ZeroNet auszuprobieren. Die Installation ist kinderleicht und man findet sich sehr schnell zurecht. Die Zites an sich sind gut nutzbar und es gibt schon sehr viel zu sehen und vieles, wo man mitmachen kann.
ZeroNet geht außerdem auch sehr schonend mit den Ressourcen um… bei mir läuft es bei jedem Rechnerstart automatisch mit… und ich merke das überhaupt nicht.

 

Diskutiere bei Hubzilla

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.